Sonntagsgruß zum 21.6.2020

Im Folgenden finden Sie die Predigt aus dem Gottesdienst heute, den Pfarrerin Stephanie Züchner und Pfarrer Stefan Züchner gemeinsam gehalten haben.

Mitbewohner gesucht, liebe Gemeinde,

so schreibt der Apostel fettgedruckt und sehr einladend in seinem Brief an die Epheser. Den vollen Text seiner Anzeige können Sie dabei gerne nachlesen in der Epistellesung dieses Sonntags, Epheserbrief Kapitel 2, die Verse 17-22. Also falls Sie mit mir den heutigen Predigttext einmal als Wohnungsanzeige deuten mögen…

Mitbewohner gesucht, so heißt es dort:

Und er, Christus, ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten,
da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.

Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

…also ich denke, das ist ein Angebot, das man eigentlich kaum ablehnen kann. Die Wohnung ist bezahlbar, ja kostet eigentlich nix, und bietet bei aller Freiheit dennoch sämtliche Vorzüge einer Gemeinschaft, Familienanschluss bei Bedarf. Doch studieren wir die Anzeige vorsorglich trotzdem einmal gründlich. Wer weiß, ob das Angebot nicht trotzdem einen Haken hat. Gerade auf Wohnungssuche schließlich sollte man ja sorgsam prüfen, wo man einzieht, zumal wenn es für länger ist…

Zunächst darum, das habe ich von meiner Mutter gelernt, werfen wir einen Blick auf die Bausubstanz, wie sie aus der Anzeige hervorgeht: Dass die Rahmenbedingungen auf jeden Fall schon einmal stimmen. So steht in der Anzeige, das Haus sei

erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten,
da Jesus Christus der Eckstein ist,
auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst
zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.

Also ich meine, das klingt stabil, nach einem sicheren Fundament. So fasziniert mich, betrete ich alte Kirchengebäude, schon lange der Gedanke an die, die vor mir bereits dort gebetet und mit Gott gerungen, ihm geklagt und gedankt haben, über viele Generationen hinweg, bis hin zu jenen, die den Grund unseres Glaubens legten und seine Tragfähigkeit erprobten: Paulus, Petrus, Johannes und all die anderen Apostel und Glaubenslehrer, die mit Gottes Wort gelebt und von ihm erzählt haben. Und ich erlebe: Darauf lässt‘s sich bauen, –

und mehr dann noch auf die, die uns ganz unmittelbar hoffen und lieben lehrten: Unsere Eltern, die uns den Glauben vorgelebt und beigebracht haben, unsere Großeltern, der ein- oder andere Pfarrer, Freundinnen und Freunde – all die Menschen, die bis heute festen Halt bedeuten, für uns und damit auch für das Gesamtgebäude: Dass es noch immer weiterwächst, mit jedem, der neu einzieht –

wobei der Eckstein über die Jahrhunderte derselbe geblieben ist: Jesus Christus. Er ist es, der das Haus zusammenhält und immer wieder für ein gutes Klima unter den Bewohnerinnen und Bewohnern sorgt, zumindest soweit sie ihn lassen…

Nach dem ersten Überfliegen der Anzeige halte ich es darum durchaus für lohnend, weiter zu prüfen, was der Apostel nun im Einzelnen für Wohnkonditionen anbietet:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge –

obwohl ja schon das nicht wenig wäre. „Gast sein einmal: Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen, was geschieht, ist gut.“[1]

So beschreibt Rainer Maria Rilke einmal, wie wertvoll es ist, Gast zu sein in friedlichem Haus, und hineinzuschnuppern, Atmosphäre aufzunehmen, teilzuhaben für eine kleine Frist am Spiel, am Fest, an der Ruhe und Geborgenheit in den Räumen anderer. Liebe Gemeinde: Machen wir das darum nicht zu schnell zu klein. Das Gleichnis, das wir in der Lesung eben gehört haben (Lk 14,16-24), beschreibt doch eindringlich, wie viel Ehre es allein bedeutet, eingeladen zu sein, und unsere eigene Erfahrung lehrt doch, wie wohltuend es ist, bei anderen eine geöffnete Tür vorzufinden und einen gedeckten Tisch!

Indes: Solange wir nur Gast sind, bleiben wir zurückhaltend. Als Gast ist man eben lange noch nicht Kind im Haus, sondern behält die Schuhe an, läuft nicht auf Socken, redet nicht ungeschützt, fragt wenn man etwas braucht und weiß, man wird nicht bleiben…

Die Wohnungsanzeige des Apostel aber bietet mehr:

Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen

könnten wir sein. Das ist viel mehr! In Gottes WG können wir leben als vollgültige Mitglieder:
Berechtigt, auch ungefragt an den Kühlschrank zu gehen, nachts, wenn man Hunger hat,
berechtigt, eigene Räume sich einzurichten und bunt zu malen in den Farben, die man sich aussucht,
berechtigt zu schimpfen, zu klagen, zu loben, ungeschützt so, wie es eben dran ist.

Weil man Zuhause sein darf, wie man ist: Mal gut gelaunt, mal etwas schlechter, manchmal muzig, und dann auch wieder richtig in Form. So verspricht der Apostel, in Gottes WG wird man nicht festgelegt auf das, was man vorher war, im Gegenteil: Judenchristen und Heidenchristen, Überzeugte ebenso wie solche voller Fragen leben dort fröhlich nebeneinander, und es gibt unter ihnen eben Menschen, die häufig daheim sind, und solche, die nur zum Schlafen kommen auf der Suche nach einem sicheren Ort für die Nacht…

Alles kein Problem. Liebe Gemeinde, gesetzt den Fall natürlich, man beteiligt sich gelegentlich auch an den Hausarbeiten und drückt sich nicht ununterbrochen vor dem Abwasch… Gottes Hausgenosse zu sein entbindet schließlich nicht von allen Pflichten. Auch Glaube, Hoffnung und Liebe wollen getan werden. Sie benötigen ein starkes WIR, damit es klappt. So ist die Hausgemeinschaft Gottes angewiesen auf Menschen, die mittun:

Die Ideen entwickeln,
die mit anpacken,
die mitfühlen,
und manchmal auch den Müll rausbringen, wie in jeder WG…

Deshalb gibt es natürlich auch hier Regeln, die den Einzelnen heilsam begrenzen, wobei die Hausordnung, wenn’s gut läuft, immer wieder neu ausgehandelt wird in konstruktivem Streitgespräch. Nichts ist unchristlicher als Gesetze auf ewig…

Darum stelle ich mir Kirche gerne vor als eine WG zum Wohlfühlen für Viele, eine, von der Reinhard Mey am Ende singt, habt Dank:

„Für die Zeit, die ich mit euch verplaudert hab,
und für eure Geduld, wenn’s mehr als eine Meinung gab,
dafür, dass ihr nie fragt, wann ich komm oder geh,
für die stets offene Tür, in der ich jetzt steh“[2]

vermutlich kennen Sie das Lied. Denn so erlebe ich Kirche und so wünsche ich sie mir, als ein Haus, in der man sich aneinander reiben und voneinander lernen, das Schöne genießen und das Schwere gemeinsam ertragen kann: Unterschiedlichste Menschen unter demselben Dach, in allem aber Gott gegenwärtig. Und man trifft ihn gelegentlich im Arbeitszimmer oder Wohnzimmer, in der Küche oder bei Tisch…

Und ich weiß, das gelingt nicht immer. Ein Stück weit ist es auch ein Idealbild von Kirche. Aber: Wir verwirklichen es auch hier in unserer Gemeinde gar nicht so selten. Und wir stehen dafür und arbeiten daran, dass Menschen erfahren, was die Wohnungsanzeige des Apostels verspricht: Dass wir dazugehören. So ist mir der Gedanke an „Gottes WG“ nicht nur hier in der Kirche, sondern auch im Jugend- und Gemeindehaus sehr präsent: Wie selbstverständlich die Jugendlichen da bei uns ein- und ausgehen, und wie selbstverständlich Sie, liebe Gemeinde, das tun. Zum Genießen! Wenn Kirche, der Glaube ein Ort ist, an dem Menschen Leben teilen, zur Ruhe kommen und Freunde finden – einfach großartig.

Denn dann birgt die Wohnungsanzeige des Apostels über den angezeigten Umzug hinaus weiteres Veränderungspotential: Weil allein das Wissen, dass man dazugehört, schon Kräfte freisetzen kann bei Menschen. Vielleicht kennen Sie das.

Wenn man nicht länger Außenseiter, sondern mittendrin ist, nicht länger schutzlos, sondern behütet: Das eröffnet auf einmal Perspektive und ändert möglicherweise gar das eigene Lebensgefühl. So lassen sich mit einem Zuhause im Rücken Gegenwart und Zukunft wesentlich leichter bestehen. Sich als Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse zu begreifen, entlastet und hilft, freundlicher und mutiger hinauszugehen in die Welt, Entdeckungen zu machen, Krisen zu lösen und Neues zu versuchen. Diesen Platz schließlich verliere ich nicht: Meine Wohnung bei Gott bleibt mir, allem Wechsel hier und am Ende des Lebens zum Trotz.

…doch mag sein, vielleicht war ja auch das gemeint mit dem Wort Frieden ganz am Anfang der Anzeige:

Und er, Christus, ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt
euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.

Weil das Wissen um ein Zuhause bei Gott zufrieden und friedfertig machen kann. Ich muss dort mit anderen nicht rangeln um ihren Platz. Und: Als Mitbürgerin der Heiligen kann ich gelassen bleiben, auch wenn es stürmisch wird unterwegs oder regnerisch. So vermag ich liebevoller auf andere zuzugehen, weil und wenn ich mich verstehe als Teil eines großen Ganzen, als Teil der weltweiten Gemeinde unseres Gottes: Weil es dieses WIR gibt, in dem jede und jeder willkommen ist, unabhängig von Lebensalter und Hautfarbe, von Gestimmtsein und von Leistung.

Mitbewohner gesucht!

Liebe Gemeinde. Also ich lebe darum gern in dieser WG. Und Sie? – – –
Amen, wenn Sie zustimmen – Amen: „So soll es sein.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

[1] Rainer Maria Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, suhrkamp taschenbuch 1996, S.25.
[2] Reinhard Mey, Gute Nacht Freunde, u.a. in: Liederkarren, 76.

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