Sonntagsgruß zum 14.6.2020

Psalm 23

Der Herr ist mein Hirt, nichts kann mir fehlen.
Auf grünen Auen lässt er mich lagern.
Er führt mich zur Ruhe an frische Wasser,
er stillt mein Verlangen.
Er leitet mich auf rechten Pfaden
Getreu seinem Namen.

Muss ich auch gehen in finsterer Schlucht,
du bist ja bei mir!
Dein Stab und dein Stecken, sie geben mir Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Bedränger.
Du salbst mein Haupt mit Öl;
Bis zum Rand gefüllt ist mein Becher.

Nur Güte und Liebe werden mich verfolgen
Alle Tage meines Leben.
Und wohnen darf ich im Hause des Herrn
Bis in die fernsten Tage.

Gebet
Gott, unser Ursprung: Deine Liebe über­steigt alles Begreifen. Noch ehe wir dir antworten können, bist du für uns da. Schwer fällt uns, dass zu begreifen und darauf zu vertrauen.

Jesus Christus, du Sohn des lebendigen Gottes: Du hast dich mit deinem ganzen Leben hineinbegeben in unsere Welt, die durch unseren lieblosen und gewalttätigen Umgang miteinander täglich verletzt wird. 

Gott, Heiliger Geist: Du hilfst unserer Schwachheit auf und weckst in uns die Freude, Gottes Liebe anzunehmen, hilf uns, dass wir uns deiner Liebe öffnen und sie teilen.


Predigt
Wisst ihr noch, früher, als Hoffnung und Liebe noch groß, die Gemeinschaft noch stark waren?
Wir lebten beieinander, miteinander und teilten alles, was wir hatten. Wenn einer einmal guten Gewinn gemacht hatte, gab er ihn ab und einige organisierten dann, dass alle je nach ihrem Bedarf davon abbekamen. Konkurrenz oder Neid kannten wir nicht.
Beim abendlichen Zusammensein bei Brot und Wein, da waren wir alle eins. Wir spürten, was uns verbindet.

Die Idee einer besseren Welt, die nicht nur ein Traum sein sollte. Daran glaubten wir und darin wussten wir uns verbunden mit dem Schöpfer.
So ähnlich schreibt es Lukas in der Apostelgeschichte von den guten alten Zeiten.

Apostelgeschichte 4 (Vers 32-37)

32 Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele, und nicht einer nannte etwas von dem, was er besaß, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade ruhte auf ihnen allen.
34 Ja, es gab niemanden unter ihnen, der Not litt, denn die, welche Land oder Häuser besaßen, verkauften, was sie hatten, und brachten den Erlös des Verkauften
35 und legten ihn den Aposteln zu Füssen; und es wurde einem jeden zuteil, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln den Beinamen Barnabas erhalten hatte, das heißt ‚Sohn des Trostes‘, ein Levit, der aus Zypern stammte
37 und einen Acker besaß, verkaufte ihn, brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füssen.

Was für eine schöne Erinnerung, das muss ja wirklich ein tolles Gemeinschaftsgefühl gewesen sein, eine große Verbundenheit aus der heraus alles möglich schien. Das Ideal urchristlicher Gemeinde, des urgemeindlichen Sozialismus. 

Leider war das wohl nur eine kurze Zeit so möglich.

Lukas kennt es auch nur vom Hörensagen. Die Gemeinde, in der er lebte, war längst im Alltag angekommen, da gab es Neid, Streit und Misstrauen. Eine schöne Erinnerung, die ich weniger als Mahnung oder Anspruch höre, sondern als eine Vision unter dem Vorzeichen der Erinnerung, eine Vision von der Kraft des Glaubens.

Was er beschreibt, ist wie eine Insel im Meer von ganz viel Ungewissheit, eine Insel, deren Beschreibung sagt: Schaut doch, was möglich ist, wenn die Liebe und das Vertrauen wirklich groß sind.

Wie geht es uns mit solch einer Utopie, der Utopie einer Gemeinschaft, in der Besitz keine Rolle mehr spielt, die Jagd nach immer mehr und mehr abgelöst wäre durch das Wissen: Ich brauch gar nicht so viel, um zufrieden zu sein oder gar glücklich. Wir würden den ausbeuterischen Lebensstil hinter uns lassen zum Nutzen aller und auch zum Nutzen unserer Mitgeschöpfe, die endlich aufatmen könnten.

Ich finde ja, dass es solche Träume schwer haben in unserer Zeit.

Wir haben alles und noch viel mehr, wir sind satt. Wozu brauchen wir Visionen einer ganz anderen Welt. Solche Träume tun wir ab. Oder wir spotten darüber, so wie es Helmut Schmidt einmal gemacht hat: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“

Aber vielleicht – oder hoffentlich – hat sich ja doch etwas an dieser Einstellung verändert in den letzten Monaten.
In allem, was uns verunsichert, haben wir ja auch gespürt, wie die Sehnsucht uns auch packen kann, Sehnsucht nach Gesprächen, Sehnsucht nach Musik, Kultur, Sehnsucht auch, mal wieder zu vereisen.

Ich glaube, wir haben eine Ahnung davon bekommen, dass es nicht einfach so weitergehen kann. Dass sich grundlegendes verändern muss. Dass wir Visionen dazu brauchen, ein positives Ziel, uns das vorzustellen und darauf auch hinzuleben und hinzuarbeiten.

Die Erinnerung an die Urgemeinde erinnert uns an christliche Werte wie Gemeinschaft und Verzicht und lässt gleichzeitig spüren, wie diese Gemeinschaft sich getragen wusste durch ganz viel Kraft und positive Bestärkung.

Es gibt Beispiele, in denen auch heute ähnliches gelingt. Projekte von generationenübergreifendem Wohnen und Arbeiten, gelebte Gemeinschaft in Kommuniäten, landwirtschaftliche Betriebe etc.
In Berichten über solche Projekte spürt man immer auch den besonderen Geist, von dem die Menschen dort getragen sind – neben allen Mühen, die natürlich auch damit verbunden sind.

Vielleicht lehrt uns Corona, zukünftig wieder mehr nach Visionen Ausschau zu halten, um diese Welt endlich gerechter und lebenswerter zu machen. Mit weniger Konsum um des Konsumes willen, mit weniger Haben und mehr Sein.

Ich glaube, dass diese Zeit unsere Sehnsucht neu angestoßen hat und es wäre schön, wenn diese kleinen Denkanstöße nicht sofort wieder unserer Sattheit und Trägheit zum Opfer fielen.

Ich hoffe sehr, dass diese Erfahrungen uns motivieren, an ein Morgen zu glauben, dass nicht immer nur schlechter wird, sondern uns und den nachfolgenden Generationen eine gute Zukunft eröffnet, für die wir uns einsetzen wollen und können, auf die wir zugehen wollen. Ich hoffe, dass wir uns dabei getragen wissen von der Kraft des Geistes, der uns Mut macht und alle Angst vertreibt.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinnen in Jesus Christus unserem Bruder. Amen

Gebet
Gott, du hast uns erinnert an die verbindende Kraft deiner Liebe, so, wie sie in den ersten Gemeinden spürbar war.
Wie sie die Menschen zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenführte, sodass Gemeinde zu einer Keimzelle deiner Liebe wurde, die alle Menschen erreichen sollte.
Auch wenn wir an diesem Anspruch immer wieder scheitern, spüren wir doch unsere Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der diese verändernde Liebe erfahrbar wird – in diesen Tagen ganz besonders.
Wir bitten dich, hilf uns dabei, dass wir einander nahe sind, gerade jetzt, wo Nähe so schwer oft zu gestalten ist.
Hilf uns, dass wir etwas mitnehmen aus dieser Erfahrung in der Krise, weil wir gemerkt haben, worauf es wirklich ankommt, was wichtig ist.
Weniger HABEN und mein SEIN, dass möchten wir gerne lernen. Unterstütze du uns dabei mit deinem lebendigen Geist.

Amen

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