Sonntagsgruß zum 3.5.2020

Joh 15 – Predigttext für den heutigen Sonntag „Jubilate“

Liebe Gemeinde,

auf der Dudelerstraße und bei Rewe auf der Hardt denkst du, alles ist beim Alten. Und irgendwie tut das gut, obwohl es mich auch besorgt. Bei Aldi wirst du wieder angerempelt, nur diesmal von Maskierten. Der Mindestabstand ist an vielen Stellen kürzer geworden, und ich frage mich, ob wir den Virus schon vergessen oder abgeschafft haben.

War und ist doch alles nicht so schlimm? Lernen wir mit dem Virus zu leben? Das wäre toll! – Haben unsere gemeinsamen Anstregungen gefruchtet und nun ist wieder alles „ neu normal“? Beim Unterwegssein habe ich den Eindruck, die Straßen werden voller. Gleichzeitig bekomme ich die Bilder des Alltags mit den berechtigten Warnungen aus den Nachrichten nicht übereinander. Und ich hoffe inständig, dass das gut geht. Das wir nicht wieder von heut auf morgen zurück müssen, denn die wirtschaftlichen und persönlichen Konsequenzen sind zu hoch. Trotzdem versuche auch ich es mit so viel „Normalität“ wie es geht am heutigen Sonntag „Jubilate“ – einem Sonntag, an dem wir grundsätzlich zur Freude aufgerufen sind und fröhliche Lieder „geschmettert“ hätten mit Orgel und Posaunenchor. Ich habe ein Lied gefunden, das zu meiner Stimmung heute passt:

The Prayer, David FosterKünstler: Andrea Bocelli – Celine Dion

Ich bete, dass Du unsere Augen bist,
Und siehst, wohin wir gehen
Und uns hilfst, weise zu sein,
In Zeiten, in denen wir nicht weiter wissen
Lass dies unser Gebet sein,
Wenn wir unseren Weg verloren haben
Führe uns zu einem Ort,
Leite uns mit Deiner Gnade
Zu einem Ort, wo wir sicher sind 

Das Licht, dass uns leitet
Ich bete, dass wir dieses Licht finden
Und es in unseren Herzen bewahren
um uns daran zu erinnern
Wenn die Sterne jede Nacht erlöschen
Die ewigen Sterne, die in meinen Gebeten sind
Lass dies unser Gebet sein
Mit dem starken Glauben,
Wenn Schatten unsre Tage füllen
Führe uns zu einem Ort,
Leite uns mit Deiner Gnade
Gib uns Glauben, so dass wir sicher sind

Wir träumen von einer Welt ohne Gewalt
Einer Welt der Gerechtigkeit und der Hoffnung
Jeder reicht seine Hand seinem Nachbarn
Ein Symbol des Friedens und der Brüderlichkeit

Mit der Kraft, die wir haben,
bitten wir, dass das Leben freundlich zu uns sei
Das ist unser Wunsch
und wache über uns von oben
Jeder findet die Liebe
Ich hoffe, dass jede Seele
findet sich selbst
Und einen anderen Menschen um zu lieben

Lass dies unser Gebet sein,
Lass dies unser Gebet sein,
So wie jedes Kind,
So wie jedes Kind

Wir müssen einen Platz finden,
führe uns mit Deiner Gnade
Gib uns Glauben, so dass wir sicher sind
Und ich fühle, dass dieser Glaube, der in uns brennt,
uns retten wird

( https://www.youtube.com/watch?v=QctoD57aYqw )

Liebe Gemeinde,

Sie fragen sich vielleicht, warum ich mit diesem Lied beginne? Weil ich meine, wir müssen die Frage richtig verstanden haben, um die Antwort des christlichen Glaubens verstehen zu können.

Die Frage, auch meine, finde ich bei David Foster wieder. Er erzählt von der Sehnsucht nach Leben, Liebe und gleichzeitig von der Erfahrung von Leere. Er erzählt von der Sehnsucht „geführt zu werden“ in den Passagen des Lebens, die völlig unklar sind.

Und das ist auch mein Gefühl in dieser Zeit, die geprägt ist von Ratlosigkeit, Widersprüchen, geprägt von der Erfahrung des Scheiterns und der gefühlten Leere angesichts der derzeitigen weltweiten Problemlagen rund um das Virus und dessen menschlichen und wirtschaftlichen Tragödien. Mittendrin aber verstärkt sich die Sehnsucht unzähliger Menschen nach neuem Leben. Nach einem Menschen oder Gott, der meine Hand hält und mein Leben teilt, nach etwas, das mir erneut das Gefühl von Beheimatung schenkt.

Von so einem Verwurzeltsein und der Beheimatung verspricht Foster sich die Möglichkeit der Krisenbewältigung: Es geht darum wie wir die Erfahrungen der Brüchigkeiten und Halbheiten unseres Lebens überhaupt ertragen können. Ja, sie vielleicht hinter uns lassen.

Foster blickt deshalb von hier, aus der Diesseitigkeit, hinüber in die Ewigkeit. Vielleicht ist ja von Gott diese Beheimatung zu erwarten?! Das würde alles „sich hier einrichten und verankern wollen“ kritisch in Frage stellen und zugleich doch auch beantworten: Mit der Liebe, wie Gott sie uns in Jesus schenkt.

Jesus von Nazareth bietet in einer seiner letzten Reden eine Antwort auf unsere Frage. Und Jesus will den Frauen und Männern, die ihm folgen, genau diese Beheimatung schenken.

Wir lesen den heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium, Kapitel 15, die Verse 1-8:

V1 Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

V2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

V3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. V4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

V5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.V6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

V7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

V8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

Liebe Gemeinde,

Jesus spricht in seinen Abschiedsreden unsere Frage der Beheimatung an. Er spricht darüber, was nach seinem Tod sein wird, und was passiert, wenn alles ins Wanken gerät. Und ich finde mich in der Frage und auch in der Antwort wieder, sie treibt auch mich um.

Und ich erlebe:

Es kann mich nur das tragen, was sich tagtäglich bewährt. Alles andere können wir getrost bei Seite schieben. – Aber was ist das, was mich trägt? Gibt es mehr für mich als die eigene Familie? Was trägt mich darüber hinaus? Woran mache ich mich fest?

Das Angebot Jesu ist er selbst: Er bietet Halt an, der jenseits dessen liegt, was vergeht. Mein Leben kann an mancher Stelle zerbrechen, aber ich bin in Gottes Liebe fest verankert und kann damit den Stürmen meines Lebens trotzen. Ich kann Gewissheit in meinem Leben finden und erleben: In der Gegenwart mich liebender Menschen und der Gemeinschaft mit Gott findet mein Leben Beheimatung. Und für mich bedarf es dieser stetigen Vergewisserung, um eben nicht haltlos zu werden. Mir tut diese Antwort gut.

Jesus schenkt seinen Jüngerinnen und Jüngern ein Zuhause in der Zeit. Eine Freude, die niemand von uns nehmen kann. Und darüber hinaus vergewissert er uns der zukünftigen Heimat bei ihm in der Ewigkeit.

Liebe und die daraus folgende Beheimatung sind immer ein Geschenk. Gute Früchte wachsen dann, so Jesus, automatisch aus diesem Geschenk. Es wächst Vertrauen und eine Vision menschlichen Lebens, die beflügelt und stärkt. Eine Vision, die Standhaftigkeit in den Grenzerfahrungen hervorbringt. Es wächst in mir das Vertrauen, dass Gott auch aus den schwierigsten Erfahrungen der eigenen Zeit Segen erwachsen lässt, weil er zu uns steht und uns liebt.              

So stellt Jesus unser Leben unter die Verheißung des „Fruchtbringens“. Wenn wir bei ihm bleiben, dann werden in unserem Leben die Spuren Gottes sichtbar werden und du wirst Orientierung finden, wenn Du sie brauchst. Es wird in deinem Leben geschehen, wie es immer wieder Menschen geschehen ist, dass Gott so stark in deinem Leben wird, dass du nicht mehr von ihm loskommst. Es wird geschehen, dass du in deinem Leben die Kraft spürst, die vom Geheimnis der Nähe Gottes ausgeht.

Und das trägt mich und hoffentlich auch Sie schon heute aus der Ferne, und gerne bald auch wieder aus mehr Nähe.

Und so freue ich mich schon heute auf ein Wiedersehen,

in unserem gemeinsamen Zuhause, der Kirche und unserem Gemeindezentrum, dann mit noch größem Jubel. 🙂

Ihr

Stefan Züchner, Pfarrer

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.