Sonntagsgruß zum 26.4.2020

Liebe Gemeinde,

auch an diesem Sonntagmorgen grüße ich Sie und Euch auf nun fast schon zur Gewohnheit gewordene schriftliche Weise.

Der Wochenpsalm für diese Woche ist vielen vertraut. Und mit dem Bild des Hirten dürfen wir uns daran erinnern lassen, dass Gott bei uns ist, auch im „Corona-Tal“, und ebenso, wenn wir an diesem Sonntag aneinander denken.

Psalm 23

1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Liebe Gemeinde,

an manches habe ich mich in den vergangenen Wochen gewöhnt. Die Situation kommt mir nicht mehr ganz so befremdlich vor. Beim Einkaufen habe ich mich damit arrangiert, dass alles länger dauert. Ich vermeide Besorgungen, die nicht unbedingt nötig sind, denke aber auch nicht mehr ständig besorgt darüber nach, wer die Ware, die ich in meinen Einkaufswagen lege, wie angefasst und ins Regal geräumt hat. Ich gewöhne mich an herzliches Grüßen auf Abstand ohne Händedruck oder Umarmung. Und daran, dass in den vergangenen Wochen zum Teil deutlich weniger Autos zu sehen waren als sonst, dafür umso mehr radelnde Familien, gewöhne ich mich als begeisterte Radfahrerin sogar gerne.

Andere Dinge bleiben befremdlich, und das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen kostet mich echt Überwindung. Ich tue es als ein Teil gemeinsam getragener Verantwortung füreinander. Dabei hilft es mir zu wissen, dass ich viele Dinge nicht für mich in Kauf nehme, sondern um andere bestmöglich zu schützen. Dennoch denke ich voller Sehnsucht: Das muss doch irgendwann aufhören! Was ist das Leben ohne gesellschaftliches Miteinander? Und ich sehne mich nach medizinischen Erkenntnissen und Fortschritten, die es uns ermöglichen, die Ausbreitung des Virus mit weniger Einschränkungen zu begrenzen, sie sogar zu kontrollieren. Aber da bleibt unsere Geduld gefragt. Es ist wie im wirklichen Leben: spekulieren bringt nicht weiter, die Zukunft wird sich erst noch erweisen.

Das hindert mich aber nicht daran auszuloten, was denn mit dem zur Zeit gebotenen Abstand jetzt und hier möglich ist. Wie können wir auch auf Distanz Gemeinde und Gemeinschaft erleben ohne nachlässig einander zu gefährden? Und ich freue mich über alles, was dann doch machbar ist und angenommen wird, wie unsere Osteraktionen. Klar ist die Umsetzung mühsamer als gewohnt. Trotzdem macht jede kreative Aktivität richtig Spaß, weil es Austausch mit anderen gibt und weil wir spürbar alle im selben Boot sitzen.

Und das weltweit: Larry Smith zum Beispiel, vor ein paar Jahren als Gastpfarrer bei uns, beschreitet in seiner Gemeinde in Pennsylvania ganz ähnliche Wege wie wir – zu sehen in einem Interview mit der EKiR, über einen Link auf unserer Homepage und in diesem Newsletter mitsamt seinem Gruß an uns zu finden.

Diese Verbundenheit macht mir Mut, erinnert sie mich doch auch daran, dass immer schon Menschen Katastrophen und Krisen bewältigen mussten und müssen, die sie sich nicht selber ausgesucht haben. Es bringt mich auch den Menschen näher, die in unserem Land Zuflucht suchen, weil es in ihrer Heimat für sie keine Möglichkeiten mehr gibt, ein „normales“ Leben zu führen. So außergewöhnlich ist eine außergewöhnliche Situation gar nicht…

Geradezu ein bisschen selig war ich, als vor ein paar Tagen unser Posaunenchor einen musikalischen Gruß auf Youtube hochgeladen hat.

https://www.youtube.com/watch?v=jWSTpEsW93A&feature=youtu.be

Da spielen sie, und man meint, den gewohnten „Spass in den Backen“ hinter den Instrumenten zu sehen – auch, wenn es nur fast wie immer ist – bzw. für die Chormitglieder weit weg von normal, weil die Aufnahme ein Zusammenschnitt aus 23 einzelnen jeweils zuhause entstandenen Videos ist.

Für mich sind es 2:08 Minuten gute Laune, weil es mir zeigt, dass es unsere Gruppen doch noch gibt, wenngleich ohne Zusammentreffen. Und weil ich das Gefühl habe, dass es wieder Menschen erfolgreich gelungen ist, den Corona-Virus auszutricksen.

Vielleicht haben ja auch andere Gruppen, Kreise und Chöre Lust, einmal etwas zum Beispiel über unseren Newsletter zu veröffentlichen. Ich fände es toll, etwas von Euch und Ihnen „hören“, was Ihr denn so macht! So wie ich, die ich nur eingeschränkt digital vernetzt bin, begeistert war zu erfahren, was aktuell in Oberhausen alles an Jugendarbeit über Social Media läuft.

Ich war übrigens neugierig und habe mal nachgeforscht, was für ein Stück das ist, das der Posaunenchor uns spielt: The town I loved so well, 1973 von den Dubliners aufgenommen, beschreibt idyllisch das einstige Arbeiterleben in der nordirischen Stadt Derry, das durch den Irland-Konflikt zu einem Bürgerkriegsschauplatz geworden ist.

In der letzten Strophe heißt es: They will not forget but their hearts are set on tomorrow and peace once again, frei übersetzt soviel wie „Sie werden nicht vergessen, aber ihre Herzen sind darauf ausgerichtet, dass Zukunft und Frieden eines Tages wiedereinkehren“.

Ja, ich kann mich (uns?) wiederfinden in diesem Lied, mit der Liebe zu Oberhausen und den Oberhausener Norden und mit der Hoffnung:

– vor allem auf Normalität, auf einen geregelten Alltag, in dem KiTas und Schulen wieder geöffnet sind;
– darauf, wieder Gemeinde sein dürfen, die sich trifft, Gottesdienste feiert und sich in Gruppen und Kreisen austauscht,
– endlich wieder in unseren Entscheidungsgremien in echt zusammenkommen zu können, um miteinander zu beraten und endlich das neue Presbyterium richtig kennenzulernen;
– darauf, endlich wieder durchs Gemeindehaus zu gehen, während dort das Leben brummt, ein kurzes Schwätzchen zwischendurch zu halten und unsere Chöre proben zu hören;
– Seelsorge im gewohnten Kontakt tun und mit vielen zu Taufen, Trauungen und Beerdigungen zusammenzukommen;
– darauf, dass eines Tages endlich wieder enger zwischenmenschlicher Kontakt möglich ist, wie wir ihn zum Leben brauchen.

Bis dahin wird es voraussichtlich noch ein langer Weg sein. Aber die medizinischen Erkenntnisse schreiten hoffentlich bald weiter voran, sodass wir konkret planen können, wie wir unser Gemeindeleben nach und nach wiederaufnehmen können – im gebotenen Tempo und mit den gebotenen Vorsichtsmaßnahmen. Schließlich wollen wir um einander Willen verantwortungsbewusst handeln.

Bis dahin versuche ich, Hoffnung und Zuversicht zu bewahren, im Hier und Jetzt das Positive zu sehen. Und dazu denke ich an den letzten Vers aus Ps 23. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“, wörtlich: „eilen mir nach“ oder „laufen mir hinterher“. Manchmal liegt das Gute gar nicht so fern wie es scheint, und es hilft, sich einfach mal umzusehen.

„Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“. NIE sind wir wirklich alleine.

In diesem Vertrauen lade ich ein zu einem persönlichen Gebet:

für unsere Geschwister im Glauben…
besonders für die Partnerkirche des Kirchenkreises in Samosir auf Sumatra, über die zu allem Unglück ein Tornado hereingebrochen ist…
für die, die einen lieben Menschen verabschieden mussten, dass sie sich trotz Kontaktsperre begleitet wissen…
für die, die gerade besonders isoliert sind…
dafür, dass wir uns bald wiedersehen können…
für persönliche Anliegen…

Amen.

Und so segne Euch Gott diesen Sonntag
mit Lichtblicken und stärkenden Gedanken,
mit einem Blick für das Gute und Barmherzige,
mit Geduld
und mit Vertrauen in die Zukunft.

Amen.

Ihre/ Eure Christina van Anken

 

 

Ankündigung für kommenden Sonntag:

Auch am nächsten Sonntag wird der Gottesdienst wieder in Form des Grußwortes veröffentlicht, da die Situation noch rechtlich unsicher und unplanbar ist. Erst nach den offiziellen Beratungsgesprächen am 30.04. wird unser Presbyterium beraten können, welche Veränderungen unter welchen Bedingungen möglich sind.

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