Sonntagsgruß zum Palmsonntag, dem 5.4.2020

Liebe Gemeinde,

haben Sie dieser Tage auch den Eindruck, nichts passt mehr so richtig zusammen?

Die Sonne scheint, endlich wird es Frühling, doch wir dürfen das Haus nur bedingt verlassen. Wir alle freuen uns eigentlich schon seit Wochen auf das kommende Osterfest und seine Schulferien. Doch jetzt fühlen sich die Ferien nur wie die Verlängerung eines unnormalen Alltags an. Endlich lohnte es bei dem Wetter, mal wieder ein paar Tage zu verreisen, die Nordseeinsel war gebucht. Doch jetzt ist der Urlaub abgesagt. Statt dessen seit Wochen „Homeoffice“, kein Kindergarten, keine Schule, keine Veranstaltungen, kein Gottesdienst, keine Begegnungen. Nur das Telefon hält den Kontakt zur Außenwelt. Und auch in diesen Gesprächen spüre ich:

Der Frust ist groß in dieser Zeit, ganz zu schweigen von wirtschaftlichen Sorgen, von Kindern, die ihre Freunde vermissen, von ärgerlichem Staunen vor leeren Regalen im Supermarkt und so weiter.

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Das auszuhalten fällt schwer. Und meine Sehnsucht wächst, gerade bei diesem guten Wetter, mich wieder mit Menschen zu treffen, zu quatschen, einfach mal dummes Zeug zu erzählen und gemeinsam zu lachen, das Leben zu feiern, zu verreisen und draußen unbeschwert mit Familie und/oder Freunden zu grillen. Doch noch bleibt meine Sehnsucht unerfüllt, und ich suche einen Weg, mit meiner Enttäuschung und meinen Fragen umzugehen.

Als christliche Gemeinschaft erinnern wir uns an diesem Sonntag daran, dass Jesus in Jerusalem einzog. Und auch in dieser Geschichte passt nicht alles zusammen. Die Welt hatte auch damals schon echte Probleme – Gott aber kommt auf einem Esel um die Straßenecke der „Kleinstadt“ geritten. Ich muss schmunzeln. Aber dann denke ich: Vielleicht ist ja gerade auch das ein tragfähiges Bild, das wir mit in unseren krisengeschüttelten Alltag nehmen könnten?! Denn es zeigt:

Gott ist anders. Er ist nicht der Weihnachtsmann, der zielgenau und verlässlich die gewünschten Geschenke bringt. Er ist kein Online-Händler: Paket bestellt und schon geliefert. Gott funktioniert so nicht.

Gesundheit frei Haus, Wohlstand und ein „Zauber“ gegen Corona sind von ihm darum nicht unbedingt und schon gar nicht sofort zu erwarten, wenngleich wir darum beten dürfen. Mir geht es im Gebet mehr um Geduld, Vertrauen, Hoffnung, Zusammenhalt, Kraft, Mut, Ideen und Stärke zum Durchhalten. Doch eine Wunscherfüllungsmaschine ist Gott auch dabei nicht. Der uns in Jesus begegnende Gott verhält sich anders, als wir es von ihm erwarten und schon aus Gewohnheit vielleicht auch gern hätten. Und Jesus verlangt auch von uns, dass wir uns ändern und neue Blickwinkel einnehmen, – wobei die Liebe für ihn die oberste Priorität hat.

Das macht das Leben mit ihm nicht immer nur einfach. Denn das erfordert, dass wir uns auseinandersetzen mit seiner Botschaft, unserem Verhalten und mit unserem Bild von ihm: Was und wer ist er für uns?

Feuerlöscher in der Not? Wegbegleiter? Oder schon längst völlig irrelevant?  Würden auch wir ihm in diesen Tagen Palmzweige hinstreuen, Palmzweige, die einen errungenen Sieg verkünden und den Sieger ehren bzw. erzählen, dass Gott unsere Sehnsucht nach Leben und Lebendigkeit auch in dieser Zeit erfüllt?

Oder sind auch wir einfach nur verwirrt, so wie die Jünger es waren und die, die ihm anfangs noch freudig folgten: Weil das, was Jesus tut, mal wieder nicht passt zu dem, was sie und wir mit ihnen von ihm erwarten. Esel sind die Tiere der Machtlosen, aber für den Krieg völlig unbrauchbar. Könige darum kommen hoch zu Ross. Jesus aber greift zu einem Esel. –

„Naja“, wird darum vielleicht der ein oder andere nach längerem Nachdenken sagen. „Das hatte ich mir aber doch ein wenig anders vorgestellt.“ Und ein anderer sagt: „Wer weiß, vielleicht bringt der’s doch nicht.“ Und ein dritter geht schweigend, aber verärgert davon. So ist das, wenn Erwartungen enttäuscht werden: Das haben Menschen nicht gern, und sie rächen sich in der Regel dafür. So rufen sie in Jerusalem damals nur fünf Tage später: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Und auch heute wenden sich Menschen ab und kommen nicht mehr wieder, weil sie sich Gott vorgestellt haben wie den Weihnachtsmann aus Hollywood – Corona aber passt nicht dazu. Und man kann das sogar verstehen.

Darum: Ganz so einfach ist das nicht, mit Jesus und seiner Geschichte und seiner Botschaft. Denn seine Geschichte ist eben nicht nur eine Super-Geschichte. Sie umfasst so wie unsere Geschichten den Tanz genauso wie die Tragödie. Jesus trägt schon kurz nach dem umjubelten Einzug in Jerusalem eine Dornenkrone und keine Krone aus Gold. Aber:

Für die Seinen bleibt er ein König. Und das ist das eigentliche Wunder der Geschichte des heutigen Sonntags. Jesus bleibt König für die, die in einer Welt voller Tragödien auf die Liebe und den Frieden setzen: Ein König ohne jedes Heer und Superkräfte, kein „Batman“, kein Superheld.

Das lässt uns manchmal und manche dauerhaft an diesem Gott zweifeln bzw. verzweifeln. Denn auch uns fiele es leichter, vielleicht, an einen Superhelden zu glauben oder wenn zumindest die Gewissheit auf ein gutes Ende immer schon im Alltag sichtbar wäre. Andererseits aber finde ich Superhelden auch nicht nur sympathisch. Und ich habe sie nicht gern als Freund oder Freundin. Denn ein Freund, das ist einer, der mein Leben, und zwar das ganze Leben, mit mir teilt und versteht.

Ein Superheld kennt nur das Helle und Schöne, den Sieg, nicht die Niederlage, das Glück, nicht die Trauer. Könnte darum ein Superhelden-Gott mich verstehen?

Wohl vermutlich eher nicht. Darum bin ich – bei längerem Nachdenken – wiederum froh, dass Jesus in dieser Geschichte ein Esel reicht, wie ihm schon anfangs auch die Krippe gut genug war, um darin zu schlafen. Denn mich beeindruckt, und mehr noch, mich überzeugt das:

Er und Gott in ihm begegnet mir auf Augenhöhe! Und das durch-kreuzt vielleicht unsere Erwartungen an ihn, aber das tut mir auch gut.

Unserem Gott sind Krankheit, Leiden, Sehnsucht und Sorge nicht fremd.
Er muss nicht immer nur der Schnellste, der Beste und Größte sein.

Sein Platz ist gerade in diesen Tagen an der Seite derer, die um das Leben kämpfen, neben und im Krankenbett und auch im Alltag. Er ist ganz nah dran an denen, die müde werden, die weinen, verzweifeln. Nahe dran bei denen, die im Betrieb mit ihren Mitarbeitenden um Zukunft ringen, und bei all denen, die dem Virus trotzen, indem sie z.B. Masken nähen oder für andere einkaufen.

Sein Platz ist bei uns.

Die Gewissheit, die daraus erwächst, ermutigt mich zum Leben, zum Hoffen und zum Lieben, denn bei Gott kommt meine ganze Geschichte vor, und ich muss nichts ausblenden. Ich muss auch nichts horten. Ja, ich kann nicht mal was verpassen.

Deshalb bin ich noch immer an diesem Gott dran. Und ich bin stolz und froh, Teil seiner Gemeinschaft zu sein, denn an vielen Stellen setzen Menschen auch in seinem Namen gerade konkrete Zeichen der Verbundenheit. Als Familie zünden wir jeden Tag um 19 Uhr zwei Kerzen an, eine stellen wir vor die Tür, und eine Kerze stellen wir ins Fenster. Wir hören den Glocken zu. Wir denken an alle, mit denen wir verbunden sind. Wir denken an alle, die sich der Pandemie in den Weg stellen, danken für alle, die nicht nur sich selber sehen, sondern Menschlichkeit leben. Und wir hoffen, dass auch Gott seinen Teil dazu beiträgt, dass wir einander bald wieder begegnen können.

Unsere menschliche Sehnsucht nach Leben und Lebendigkeit ist unbesiegbar und findet im Ostergeschehen ihre bleibende Antwort.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen einen gesegneten Palmsonntag und eine gesunde Woche, bis nächsten Sonntag!

Ihr Pfarrer Stefan Züchner

Unsere Zeit

Was wird sich verändern, wenn die Krise vorbei ist?
Wir sind Liebende – wir werden auch dann Liebende sein.
Wir sind Hoffende – Wir werden auch dann Hoffende sein.
Wir sind Vertrauende – Wir werden auch dann Vertrauende sein.
Wir sind Glaubende – Wir werden auch dann Glaubende sein.
Wir sind Sehnende – Wir werden auch dann Sehnende nach Gerechtigkeit und Frieden sein.
Wir sind Menschen – Wir werden auch dann Menschlichkeit verkörpern.

Text: Stefan Züchner

 

 

 

 

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