Sonntagsgruß zum Sonntag Judika – 29. März 2020

Liebe Gemeinde,

auch an diesem Sonntag gibt es einen schriftlichen Sonntagsgruß. Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, ihn zu lesen! So begrüßen wir Sie herzlich zum Gottesdienst daheim.

Heute werden unsere neu- und wiedergewählten Presbyterinnen und Presbyter in ihr Amt eingeführt und die nicht mehr amtierenden verabschiedet. Dies wollen wir würdigen. Und wir wollen unsere Gedanken in dieser Zeit mit Ihnen teilen, heute zum Thema EIGENTLICH und WESENTLICH, auf der Grundlage eines Textes aus dem Markusevangelium, Markus 12,28-34:

28 Und einer der Schriftgelehrten, der gehört hatte, wie sie miteinander stritten, trat zu Jesus. Und da er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? 29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein Herr, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft. 31 Das zweite ist dieses: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Höher als diese beiden steht kein anderes Gebot. 32 Und der Schriftgelehrte sagte zu ihm: Schön hast du das gesagt, Meister, und du hast Recht! Einer ist er, und einen anderen ausser ihm gibt es nicht 33 und ihn lieben mit ganzem Herzen und mit ganzem Verstand und mit aller Kraft und den Nächsten lieben wie sich selbst – das ist weit mehr als alle Brandopfer und Rauchopfer. 34 Und Jesus sah, dass er verständig geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

EIGENTLICH.

Eigentlich hätten wir heute in unserer Kirche einen Festgottesdienst gefeiert: Das neugewählte Presbyterium wäre feierlich eingezogen, und wir hätten es fröhlich begrüsst. Die Menschen, die ihm nicht mehr angehören, hätten wir traurigen Herzens und doch zutiefst dankbar für ihren Dienst mit Blumen verabschiedet. Eigentlich.

Für mich das Wort „Eigentlich“ zum Sehnsuchtswort dieser Tage geworden. Denn ich sage es oft. Morgens: Eigentlich wäre jetzt Schule. Kindergarten. Das Treffen mit den Kollegen. Die Geburtstagsfeier. Nachmittags: Eigentlich wäre jetzt Konfi-Unterricht. Frauenhilfe. Die Oma käme zum Kindersitten. Abends: Eigentlich hätten wir Sitzung. Oder ich würde mich mit meiner Schwester treffen.

Eigentlich. Und immer, wenn ich das sage, merke ich, was mir fehlt – mein Alltag. Und nicht ganz selten sogar Dinge, über die ich früher leise gestöhnt hätte. Doch jetzt vermisse ich sogar sie.

EIGENTLICH.

Corona aber bremst mich aus. Corona bremst meinen Willen aus. Alles eigene, Eigentliche, so kommt es mir vor. Manchmal packt mich darum die Wut: Wie ein so kleines Ding, so ein Virus, mich hindern kann in meiner Freiheit und Selbstentfaltung. Eigentlich, ja eigentlich durfte doch bislang ich ganz allein bestimmen, mit wem ich mich treffe und wohin ich reise. Ich durfte mein Leben gestalten, so wie ich es wollte, mit EIGENen Plänen und Zielen, meinen EIGENen Möglichkeiten.

Doch jetzt?

Jetzt geht es um Andere. Um UN-EIGENTLICHES, um etwas, das größer ist als ich selbst. Jetzt geht es um uns, um uns alle. Jetzt geht es auf einmal um Werte wie Solidarität und Miteinander. Denn es ist klar, dass einer allein das Virus nicht stoppen kann. Das geht nur gemeinsam. Und plötzlich wachsen viele noch mehr als sonst über sich hinaus:

Und kaufen für die Nachbarn ein, ganz selbstverständlich.
Erkundigen sich viel öfter am Telefon, wie es dem anderen geht.
Bewundern ehrlich all die, die für uns alle in den Supermärkten, Krankenhäusern, Arztpraxen und im Öffentlichen Dienst bleiben.
Begreifen, wie systemrelevant Erzieher und Pflegepersonal, Postboten und Müllentsorger sind.
Und lernen in all dem, trotz des oft auch bitteren Verzichts auf „Eigentliches“, was wirklich „Wesentlich“ sein könnte in unserer Welt.

Wer im Markusevangelium, Kapitel 12 die Verse 28-34 nachliest, bemerkt, dass die Sehnsucht nach dem Eigentlichen und die Frage nach dem Wesentlichen keine Erfindung von Corona ist. Denn: Schon Jesus hat sich der Frage gestellt und eine Antwort gefunden, die uns auch heute noch trägt.

Dabei ist der Begriff „eigentlich“ nirgendwo in der Bibel zu finden. Und auch Jesus rät dem Suchenden nicht etwa: „Eigentlich solltest du…“ Für Jesus gibt es kein „eigentliches“ Leben und Handeln, sondern nur das, was stattfindet, was wirklich ist. Leben geschieht immer „in echt“. Und da ist das Eigene, unsere Begabungen und Talente und Ideen, in diesem Sinne das EIGENtliche, immer nur ein Teil des Ganzen. Denn UN-EIGENtlich, neben allem Eigenen, gibt es unsere Mitmenschen, gibt es Herausforderungen wie den Corona-Virus, gibt es Gott.

Und darum legt Jesus uns lieber WESENTLICHES ins und ans Herz:

Die dreifache Liebe – zu Gott, zu unseren Nächsten und zu uns selbst. Vom (liebevollen) Miteinander und Füreinander soll unser Leben geleitet sein. Denn so sind wir gewollt und gemeint und begabt. So haben wir manches gemeinsam zu tragen. So dürfen wir uns aber ebenso auch getragen wissen.

Und das gilt in Corona-Zeiten wie auch sonst jeden Tag. Das gilt für unser eigenes wie auch für unser gemeinsames Leben. Und es gilt auch für uns als Gemeinde, für alle, die dazugehören und insbesondere natürlich auch für die, die sie ab heute als Presbyterinnen und Presbyter leiten.                                    

Immer wieder erleben wir die Dynamik neuer Herausforderungen. Mir aber hilft es, mich daran zu erinnern, dass wir auch darin immer Getragene sind. Und mir tut es gut, erinnert zu werden, von Gott und von Jesus, was das Wesentliche ist und bleibt: Die Liebe und nichts als die Liebe.

Denn sie lässt mich Gott entdecken als einen, der Kontakt mit mir hält auch in den Zeiten von zwischenmenschlichem Kontaktverbot.

Sie lässt mich die Anderen sehen auch dann, wenn ich sie gerade gar nicht sehen oder treffen darf. Aber telefonieren geht.

Und sie hilft mir, auch mich selbst liebevoll anzunehmen mit meinen Grenzen und mit meiner Sehnsucht nach Normalität und eigentlichem Leben.

So wünschen wir Ihnen allen einen von Liebe geprägten Tag!

Ihre Pfarrerinnen Christina van Anken und Stephanie Züchner.

Wir laden ein zum Fürbittengebet:

Gott,
in dieser Krisenzeit bitten wir dich
für deine Welt, für deine Menschenkinder.
Stärke unsere nationenübergreifende Solidarität.
Schärfe unseren Blick für das, was wirklich nottut,
nicht nur während einer Pandemie:
ein funktionierendes Gesundheitssystem,
das nicht am Profit orientiert ist,
eine Politik, die verantwortungsbewusst leitet
und sich nicht von den Interessen der Wirtschaft lenken lässt.

Wir bitten dich, Gott, für die Ärmsten der Armen,
für Flüchtlinge in Aufnahmelagern,
für alle, die der Pandemie nahezu hilflos ausgesetzt sind.

Wir bitten dich für alle, die unser tägliches Leben
und die gesundheitliche Versorgung aufrecht erhalten.
Wir bitten dich für die, die mit ehrenamtlichen Engagement
für andere da sind: Einkäufe übernehmen,
telefonisch ansprechbar sind, die Unterstützung koordinieren.

Wir bitten dich für alle, die um einen geliebten Menschen trauern,
die unter erschwerten Bedingungen Abschied nehmen müssen.
Und wir bitten dich für die,
die ihre Lieben lange Zeit nicht sehen können.

Wir bitten dich für unsere Gemeinde,
dass es uns gelingt, auch jenen, die nun sehr isoliert sind,
Lichtblicke deiner Liebe zu eröffnen,
dass wir in Kontakt bleiben miteinander und mit dir, Gott.

Wir bitten dich für unser neues Presbyterium,
das unter solch schwierigen Rahmenbedingungen starten muss.
Hilf uns, ruhig und achtsam zu bleiben,
an den Herausforderungen miteinander zu wachsen,
und in deinem Sinn konstruktive Entscheidungen zu treffen.

Amen.

So bitten wir Gott um seinen Segen:

Gott segne dich an jedem Tag
mit einem guten Gedanken – für dich und von dir
mit einem guten Wort – für dich und von dir
mit einem fröhlichen Lächeln – für dich und von dir
mit einem Zeichen der Liebe – für dich und von dir
mit dem Wissen, geborgen zu sein in IHM, der dich liebt.

                                               nach Wilma Klevinghaus

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